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Der letzte Taumel der Menschheit.

15. Juni @ 18:30

Eine Lesung aus Anlass des 2-jährigen Geburtstags des Perinetkellers und des Instituts ohne direkte Eigenschaften. Margot Hruby, Gerhard Oberschlick und Richard Weihs trafen eine Auswahl aus den Texten der «Schastrommel», des «Irrwisch» und der «Blutorgel».

«Ich bin ein unglaublicher Titelfetischist, und man sagt auch von mir, dass ich ruck-zuck welche finden kann. So kommt es zu Kuriositäten, weil ich oft in Titel so verliebt bin, dass ich sie einfach hinsetze und dann fragt man sich, was hat der Inhalt eigentlich mit diesen Titeln zu tun. Manchmal gibt es aber direkte Zusammenhänge, und wenn ich oft mit Welt oder Nacht oder sonstigen Begriffen umgehe, dann sage ich unverhohlen, dass ich mich auch gerne sehr bewusst in pathetischen Bereichen aufhalte, weil ich diese Bereiche nicht einfach aus der Kunst gelöscht haben will.» Diesen Einblick in seine Denk­-und Schreibgeheimnisse ließ der Aktionist Günter Brus in einem Interview mit Johanna Schwanberg zu. Titelfetischismus ist den PerinetkellerbetreibeInnen vom «Institut ohne direkte Eigenschaften» naturgemäß nicht ganz unfremd, und vielleicht wäre es gar nicht zu der hiermit angekündigten Geburtstagsfest-Lesung gekommen, wenn die Medien der Wiener Aktionisten nicht «Schastrommel». «Irrwisch» oder «Blutorgel» geheißen hätten, sondern »Nachrichten aus der Perinetgasse».

Während die Titel «Schastrommel» und «Irrwisch» dem Reflektiertesten der Gruppe, Günter Brus, zugerechnet werden müssen, ist die «Blutorgel» ein Einfall von Josef Dvorak. Die «Blutorgel», Kreation aus dem Jahr 1962, gab es in drei Aggregatszuständen: Als künstlerisch-anarchistisches Manifest, als dreitägige provozierende Praxis und als viermal erscheinende Zeitung. «Chefredakteur» Dvorak bemühte sich, in seinem Editorial keine Fragen zum Sinn der Zeitung offen zu lassen: «(…) Die Blutorgel ist das köstliche Sprachrohr und das politische Originalorgan der anti-etceteristischen Bewegung Die Blutorgel, die immer wieder von sich reden macht (…) Die Blutorgel versucht, durch Einschwitzen jede Institution aufzulösen, jedoch eine neue Oberste Blutokratie mit garantiert bürokratischen Vollmachten zu installieren (…) Die Blutorgel fasst vor dem Ende der Welt die Menschheit in einem LETZTEN TAUMEL zusammen, der dann abgeblasen wird.»

Zur Vorgeschichte der «Schastrommel» zählt das berühmte Happening in der Wiener Uni im Juni 1968 unter dem Titel «Kunst und Revolution». Infolge seiner provozierenden «Körperanalyse» erklärte man Brus in einer Pressekampagne zum «meistgehassten Österreicher». Er wurde zu sechs Monaten Arrest verurteilt. Um einer Haftstrafe zu entgehen, floh er mit seiner Familie nach Berlin und lebte dort zehn Jahre – bis 1979 – im Exil. Erst nachdem die Haftstrafe in eine Geldstrafe umgewandelt wurde, kehrte er wieder zurück nach Graz. Der Untertitel dieses immerhin fünf Jahre lang erschienenen Blattes hieß: «Das Organ der österreichischen Exilregierung». Künstlerkollegen wie Rudolf Schwarzkogler, Gerhard Rühm, Otto Muehl, Peter Gorsen, Hermann Nitsch und Oswald Wiener waren an verschiedenen Ausgaben beteiligt. Einer der publizistischen Höhepunkte der «Schastrommel» war der Abdruck des psychiatrischen Gutachtens, mit dem Dr. Gross, der Mordarzt aus dem Steinhof, damals noch Österreichs bestbezahlter Gerichtspsychiater, Günter Brus fertig machen wollte. Kurzes Schmankerlzitat daraus: «Es handelt sich bei Herrn Brus um das Persönlichkeitsbild einer Psychopathie, das heißt, er ist nicht in der Lage, mit seinen eigenen Spannungen fertig zu werde. Es finden sich weiters stark ausgeprägte Hinweise auf erhöhte Aggressionsmechanismen und auf eine massive Konfliktbereitschaft mit der Umgebung.»

Das «Irrwisch»-Projekt war laut Brus eine Übergangsphase von den Aktionen zu den späteren «Bilddichtungen», wie er die Kombination von Text und Zeichnung nannte. Es war noch geprägt von deftigsten Tabubrüchen im sexuellen Bereich. Wenn Brus heute sagt, in Österreich wie international habe die Kunst sich immer mehr vom Skandal wegbewegt und die Gesellschaft schlucke heute jede Provokation, ist Einspruch erlaubt. Die Irrwisch-Texte, vorgelesen vor einer Gemeinderatssitzung, und die Irrwisch-Illustrationen, projiziert auf eine Außenwand des Domes … und schon gäb´s Bahöö wie anno dazumals.

Aus «Blutorgel», «Irrwisch» und «Schastrommel» lesen Gerhard Oberschlick, Margot Hruby und Richard Weihs. Gerhard Oberschlick war der letzte Herausgeber der Diskussionszeitschrift NEUES FORVM, die jahrelang wie kein anderes Medium der Kontroverse um die Wiener Aktionisten eine Ausdrucksform bot. Margot Hruby ist als Schauspielerin, Sängerin, Performerin und Autorin tätig. Theater-Zusammenarbeit u. a. mit Hubsi Kramar, Dieter Haspel, Peter Gruber, Michaela Scheday, Miki Malör, Justus Neumann, Kurt Sobotka, Marianne Sägebrecht, Erwin Steinhauer, Yosi Wanunu, Anna Maria Krassnig, Klaus Pieber, Anselm Lipgen … Einige Musik- und Theater- Eigenproduktionen und Solo-Stücke. Aktuelles Programm: ein Brecht-Liederabend. Richard Weihs ist Schauspieler, Musiker, Autor und Kabarettist. Er verfasste das Schimpfwörterbuch «Wiener Wut». Musikalische Zusammenarbeit unter anderem mit Otto Lechner, Klaus Trabitsch und Christina Zurbrügg.

Cover der Schastrommel: The University of Chicago Library


Der Perinetkeller ist das ehemalige Atelier der Wiener Aktionisten und wird seit Juni 2016 vom Institut ohne direkte Eigenschaften (IODE) ohne Subventionen betrieben. Spenden sind erwünscht. Kein Konsumzwang. Getränke gegen Spenden. Wir raten dringend, ein persönliches Glaserl mitzubringen – andernfalls droht der Plastikbecher. Klo am Platz (ca. 100 m).

Details

Datum:
15. Juni
Zeit:
18:30

Veranstaltungsort

Perinetkeller
Perinetgasse 1
Wien, 1200 Österreich
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