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Fast Theater: Michail Schatrow, «Weiter weiter weiter»

26. Oktober @ 19:30

Mitwirkende: Walter Famler, Peter Friedl, Kathrin Gräble, Andrea Hiller, Rudi Lehner, Traude Lehner, Felix Mautner, Evi Rohrmoser, Clemens Staudinger, Martin Tichy, Alexander Wahl (Lesende in Rolf Schwendters Lesetheater-Tradition); Vincenz Wizlsperger (destruktive Stromgitarre); Ulli Gladik (Dokumentation); Robert Sommer (Konzeption).

Ein zugegeben nicht hundertprozentig professionelles Theaterensemble im Umkreis des Instituts ohne direkte Eigenschaften wendet sich Michail Schatrow zu – d e m russischen Dramatiker der Perestrojka, wie die von Gorbatschow geprägte Umbruchsphase genannt wird. Die Debatte um das Stück «Weiter weiter weiter» zählte insbesondere im Jahr 1988 zu den die sowjetische Gesellschaft auseinanderreißenden Themen. 3 Jahre vorher ist Gorbatschow zum Generalsekretär der KP Russlands ernannt worden. Aber die Bürokraten der Breschnjew-Ära behaupteten immer noch gute Positionen. Sie konnten die geplanten Inszenierungen in den beiden Metropolen Moskau und Petersburg so verzögern, dass die Stunde der russischen Provinztheater schlug: in Tomsk, in Komsomolsk, in Cherson, in Rostow, in Taschkent…

Dabei ist das Stück «Weiter weiter weiter» alles andere als avantgardistisch, weder vom Ästhetischen noch vom Inhaltlichen her. Schatrows «Sprachrohre» in dem Stück sind Lenin, Rosa Luxemburg und Bucharin. Das ist die Trojka der Guten. Die behauptete Übereinstimmung zwischen Rosa Luxemburg und Lenin zählt meiner Meinung nach zu den problematischsten Passagen des Dramas. Lenins Politik der Ersetzung des Volkes durch die Arbeiterklasse (obwohl es diese nur in Moskau oder Petersburg gab), der Ersetzung der Arbeiterklasse durch die Partei, der Ersetzung der Partei durch die Nomenklatura, entspricht sicher nicht dem Sozialismusbild Luxemburgs, das vom Recht auf Anderssein ausgeht. Die Umwandlung der zu Beginn der Revolution sich selbst organisierenden Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte in eine Vorfeldorganisation der KPdSU hätte Rosa Luxemburg mit allen Mitteln bekämpft.

Die tragische Figur in «Weiter weiter weiter» heißt Bucharin. Er war von 1917 bis 1929 Herausgeber der Parteizeitung «Prawda». Ab 1928 opponierte er stark gegen die Stalinsche Bauervernichtungspolitik, inkl. Zwangskollektivierung. 1937 wird er unter dem Vorwand der Spionage (unter anderem für die österr. Polizei) verhaftet und zum Tod verurteilt. In Schatrows Stück liest er seinen letzten Brief vor seiner Verhaftung an die Parteileitungen vor. Stalin hatte guten Grund, die Veröffentlichung des besorgten Briefes – und sei es auch nur in der Halböffentlichkeit eines Parteigremiums – zu fürchten. Bucharin rechnet mit der Geheimpolizeu ab: Früher habe die Idee der Revolution die Arbeit dieses Amtes geleitet. «Gegenwärtig aber stellen die so genannten Organe der NKWD in ihrer Mehrheit eine degenerierte Organisation ideenloser, moralisch verkommener, gutsituierter Beamter dar. Unter Ausnutzung der einstigen Autorität der Tscheka und dem krankhaften Misstrauen Stalins zuliebe, verrichten sie, auf der Jagd nach Orden und Ruhm, ihre Schandtaten, ohne dabei zu begreifen, dass sie zugleich sich selbst vernichten.»

Die Aufregung im «kommunistischen Lager» um das Drama (in der DDR ist noch 1988 eine deutschsprachige Zeitschrift aus dem großen Bruderland, die Moskauer «Neue Zeit», verboten worden, weil sie einen Ausschnitt aus dem Stück brachte), ist aus heutiger Sicht verwunderlich. Denn Schatrows Stück ist im Grunde eine große Hommage an Lenin. Keineswegs kann man bei Schatrow eine Überlegung ausmachen, Lenin von links zu kritisieren. Ziemlich blind scheint der «Weiter weiter weiter»-Autor gegenüber den Einwänden des Anarchismus oder der radikalen rätedemokratischen Bewegung gewesen zu sein. In den fiktiven Dialogen, die er uns da vorsetzt, fehlt eine Stimme, die an die Tragödie von Kronstadt 1921 erinnert. 50.000 Sowjetsoldaten beendeten in diesem Jahr den Aufstand der Kronstädter Matrosen, die die Staatsbezeichnung Sowjetunion (auf Deutsch also Union der Räte, und nicht: Diktatur einer Partei), wirklich ernst nahmen.

Es fehlt im Schatrow-Stück ein Revolutionär, eine Revolutionärin, die oder der eine einfache Frage stellt: Wie konnte es geschehen, dass die linken und revolutionären Parteien, die sich auf Marx beriefen und sich der revolutionären Tradition verpflichtet fühlten, der basisdemokratischen Idee und dem Rätesystem gegenüber sich genau so feindselig verhielten wie konservative und reaktionäre Rechte? Eine kluge Gegenfrage könnte lauten: Hat die Geschichte nicht gezeigt, dass die direkte Rätedemokratie nur einer revolutionären Umbruchsituation angemessen erscheint und nicht einer danach errichteten komplexen Gesellschaft? So wenig in «Weiter weiter weiter» die von Rätedemokratie und Anarchismus intendierten Wiederinstandsetzungen des «realen Sozialismus» beachtet werden, so gering sind andrerseits komischerweise jene Faktoren bewertet, die die AkteurInnen im Schatrow-Text von mancher Schuld freispricht. Die meisten AkteurInnen waren nämlich davon ausgegangen, dass die «Proletarier aller Länder» die Waffen des Ersten Weltkriegs niederlegen und dem Beispiel der aufständischen ArbeiterInnen von Moskau und Petersburg folgen würden. Die Bolschewiki kalkulierten strategisch damit, dass sie sich nicht mehr um Krieg UND Revolution zu kümmern hätten, sondern nur noch um die Revolution. Weil aber der Krieg im Land blieb, entwickelte der Staat, aus einem plausiblen Schutzbedürfnis heraus, jenen Zentralismus, der die basisdemokratische Option zu einer schönen Utopie machte. Der Vorwurf, die Bolschewiki hätten in Betracht ziehen müssen, dass die erwartete «Weltrevolution» storniert werden könnte, kehrt zurück an die Adresse der westlichen Ankläger: Wie könnten sie den Verrat an den russischen ProletarierInnen wieder gut machen?

Es ist nicht die Aufgabe Schatrows, die Fehler der westlichen Linken zu analysieren. Wenn wir nichts dagegen haben, als Teil der westlichen Linken betrachtet zu werden, müssen wir in unser Gesellschaft untersuchen, warum die Partei des Roten Wien, die Partei Victor und Friedrich Adlers, ihre Anhängerschaft dazu verleitete, die Waffen nicht wegzuwerfen, sondern sie gegen die russischen Klassengenossen einzusetzen?


Der Perinetkeller ist das ehemalige Atelier der Wiener Aktionisten und wird seit Juni 2016 vom Institut ohne direkte Eigenschaften (IODE) ohne Subventionen betrieben. Spenden sind erwünscht. Kein Konsumzwang. Getränke gegen Spenden. Wir raten dringend, ein persönliches Glaserl mitzubringen – andernfalls droht der Plastikbecher. Klo am Platz (ca. 100 m).

Details

Datum:
26. Oktober
Zeit:
19:30
Veranstaltungskategorie:

Veranstaltungsort

Perinetkeller
Perinetgasse 1
Wien, 1200 Österreich
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